Schweizer Armee: Martin Bühler über Führung in Krisen – Lehre aus Katastrophe von Bondo
Ruhe und Bestimmtheit, Pragmatismus und Verhältnismässigkeit, Dienstbereitschaft und Leidenschaft sind wichtige Voraussetzungen für eine wirksame Krisenbewältigung.
Martin Bühler, Regierungsrat des Kantons Graubünden und Oberst im Generalstab, blickt zurück auf die Bewältigung der Naturkatastrophe in Bondo. Er erzählt von seinem Ausbildungsweg, der in Gabun begann und ihn dann nach Schiers, Zürich und Chur führte, sowie von seiner militärischen Ausbildung, bei der er zum Grenadier und danach zum Offizier wurde. Martin Bühlers Engagement in der Armee und in der Politik zeugt vom Mehrwert des Milizdienstes sowie von der Berufung zum Dienst an der Gemeinschaft.
Martin Bühler ist ruhig, ausgeglichen und lösungsorientiert. Ein offener Dialog zwischen Institutionen und Partnern liegt ihm am Herzen. Zentral in diesem wertvollen Erfahrungsbericht sind Leidenschaft und Enthusiasmus sowie Engagement für die Gemeinschaft. Martin Bühler erinnert daran, dass wir während Krisenzeiten nicht experimentieren sollen. „Wird der Milizdienst überdacht, muss dies getrennt erfolgen. Und dann sollte das bereits Erreichte gefestigt und verbessert werden“, sagt Bühler. In einer Armee, die inklusiv sein muss, sind alle Kräfte einzubeziehen, nicht zuletzt mit der Unterstützung von freiwilligen Frauen, welche die Stärke unseres Systems vervollständigen.
Der 23. August 2017 beginnt als normaler Arbeitstag. Doch dann erhält Martin Bühler, damals Leiter des Amts für Militär und Zivilschutz sowie Chef des Krisenstabs Graubünden, einen Anruf des Geologen und danach der Kantonspolizei Graubünden und erfährt von der Naturkatastrophe von Bondo im Bergell. Am 23. und dann vor allem am 31. August 2017 lösen sich vom Piz Cengalo (3400 m ü. M.) drei Millionen Kubikmeter Fels und stürzen ins Val Bondasca – der in der Schweiz grösste Bergsturz der letzten hundert Jahre, der beinahe das gesamte Dorf Bondo zerstört hätte. Acht Berggängerinnen und -gänger werden vom ersten Murgang mitgerissen und bleiben leider verschwunden.
Martin Bühler macht sich sofort auf den Weg nach Schiers GR, wo der Zivilschutz im Einsatz ist, der sich wie die Rega, die Luftwaffe und die Armee im Bergell sofort einschaltet und einsatzbereit ist. Die Gefahren werden erkannt, studiert und abgewendet, die Szenarien werden trainiert und vorbereitet. Die Bevölkerung von Bondo wird evakuiert und vor allem vor dem zweiten verheerenden Bergsturz vom 31. August 2017 in Sicherheit gebracht. Das Dorf, das ohne Empfang, Strom, Wasser und von der Umwelt abgeschnitten ist, erhält umgehend Unterstützung von den Sicherheitsorganen, welche die verfügbaren Notfallmittel einsetzt, darunter auch das militärische Internet. Die Leitung des Krisenstabs übernehmen die Gemeindepräsidentin Anna Giacometti und Oberst im Generalstab Martin Bühler vonseiten des Kantons. Im Bereich Kommunikation werden sie von Christian Gartmann unterstützt.
Der aus Fideris und Davos stammende Martin Bühler (geboren 1976) besuchte den Kindergarten in Lambarene (Gabun), wo sein Vater als Arzt im Spital praktizierte, das der Schweizer Missionar Albert Schweitzer Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet hatte. Er erwarb das Bündner Lehrerpatent, studierte in Zürich Politologie und ergänzte sein Universitätsstudium mit einem Executive Master of Business Administration an der Fachhochschule Graubünden.
Martin Bühler, verheiratet und Vater von drei Kindern, arbeitete als Lehrer und war nach seinem militärischen Auslandseinsatz bei der EUFOR auf dem Balkan als wissenschaftlicher Mitarbeiter und später als Verwaltungsdirektor an der Pädagogischen Hochschule Graubünden tätig. 2016, ein Jahr vor der Naturkatastrophe in Bondo, übernahm er die Leitung des Amts für Militär und Zivilschutz in Chur. 2023 wurde er Regierungsrat und Vorsteher des Departements für Finanzen und Gemeinden.
Sein Vater schlug ihm vor, sich aufgrund der Aufstiegsmöglichkeiten bei der Infanterie zu melden. Stattdessen folgte er dem Rat seines Sportlehrers, der ihm die wertvolle Erfahrung als Grenadier ans Herz legte. Martin Bühler ist immer noch als Milizoffizier bei den Spezialkräften tätig. Aufgrund seiner Lebens- und Militärerfahrung ist er auch als Berater im Milizstab des VBS im Einsatz.
Sein Bericht ist spannend und zeigt, dass Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit, Führungsstärke, aber auch ein offenes Ohr und Vermittlungsqualitäten sowie regelmässige und offene Kommunikation für die Krisenbewältigung entscheidend sind, wenn es darum geht, das Undenkbare vorwegzunehmen und entsprechend zu reagieren. Umgestaltungen sind in Friedenszeiten vorzunehmen, also nicht heute.
Quelle: Kommunikation Verteidigung, Giorgio Krüsi
Bildquelle: VBS/DDPS
