Schweizer Armee: Militärische Rettungskompetenz in der Türkei

Zu den rund 90 Helferinnen und Helfern, welche aus der Rettungskette Schweiz für die Humanitäre Hilfe des Bundes ins Erdbebengebiet in die Türkei entsandt wurden, zählen auch 31 Spezialisten aus dem VBS und der Schweizer Armee.

Sie bringen im Zusammenspiel mit den Partnern der Rettungskette eine Kompetenz der Schweizer Armee ein: Die militärische Katastrophenhilfe und die Expertise in der Rettung.

Seit 1999 trägt die Schweiz ihre Kompetenz in der Bewältigung von grossen Schadenlagen ins Ausland und unterstützt andere Staaten beim Auf- und Ausbau ihres Rettungswesens für den Katastrophenfall. Diese Projekte im „Urban Search and Rescue“ (USAR) sind Teil der humanitären Hilfe des Bundes und werden durch Angehörige der Armee massgeblich mitgestaltet. Die Spezialisten des Lehrverbandes Genie/Rettung/ABC sind ein bedeutender Teil der Fachgruppe Rettung des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) und sie bringen die Expertise und Erfahrung aus der militärischen Katastrophenhilfe in die zivil-militärische Zusammenarbeit ein.

Per Zufall waren die Spezialisten bereits vor Ort: In den Stunden des jüngsten Erdbebens in der Türkei befand sich gerade – aus Ausbildungsgründen – ein Team von Spezialisten zur Katastrophen-Vorsorge in Istanbul. Darunter auch zwei Berufsoffiziere aus dem Lehrverband Genie/Rettung/ABC. Das Team konnte rasch Vorarbeit leisten für ein siebenköpfiges Vorausdetachement der Rettungskette, das sich wenige Stunden nach dem ersten Beben auf den Weg machte und bereits am Nachmittag des 6. Februars – wenige Stunden nach dem ersten Beben – eintraf.

Freiwillig und unbewaffnet

80 Spezialistinnen und Spezialisten sowie acht Suchhunde brachen dann am Abend des 6. Februars in die Türkei auf. Darunter neun Berufsmilitärs, 20 Durchdiener des Katastrophenhilfe-Bereitschaftsbataillons sowie zwei zivile Mitarbeiter aus dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Bei den Armeeangehörigen handelt es sich allesamt um Freiwillige, die sich für einen Einsatz mit der Rettungskette Schweiz bereit erklärt haben. Sie stehen in einem subsidiären Einsatz. Ihr Einsatz erfolgt in zivil und unbewaffnet. Ihr Ziel: Verschüttete Menschen aus den Trümmern retten. Der Einsatz dauert voraussichtlich rund zehn Tage. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) trägt im besonderen Falle der Rettungskette Schweiz sowohl die Einsatz- wie die Führungsverantwortung. Die Armeeangehörigen bringen die Kompetenz zur Schadenplatz-Beurteilung sowie zur Personenrettung aus schweren Schadenlagen mit. Ersteres ist nötig, um sich nicht selber in Gefahr zu bringen. Zu ihrer Ausrüstung gehört militärisches Equipment, wie es auch die Schweizer Rettungsformationen einsetzen und trainieren. Darunter befindet sich Material, um Menschen zu orten und schweres Gerät, um zum Beispiel Trümmerteile anzuheben oder Betonbohrungen vorzunehmen und die Verschütteten bergen zu können. Die Gerätschaften gilt es vor Ort zu warten und einsatzbereit zu halten, weshalb auch Gerätewarte im Einsatz sind. Weitere Spezialisten sind für die Führung und für den Umgang mit Gefahrengut eingesetzt. Junge Rettungssoldaten, die ihren Militärdienst als Durchdiener leisten, können ihre Bereitschaft zu solchen Einsätzen zu Beginn der Rekrutenschule kundtun und werden speziell vorbereitet.

Nach internationalen Regeln

Für solche Einsätze legen internationale Richtlinien die Mindestanforderungen fest, die die Einsatzteams in den verschiedenen Ländern erfüllen müssen. Sie ermöglichen eine reibungslose Zusammenarbeit mit Teams aus anderen Ländern. Diese Rettungskompetenz wird in der Schweiz regelmässig geschult und trainiert, zuletzt im grösseren Stil im November 2021 in einer internationalen Übung in den Trümmerlagen des Ausbildungszentrums der Rettungstruppen (AZR) bei Genf. Zusammen mit dem Übungsdorf in Wangen an der Aare bildet das AZR die wesentliche Infrastruktur für die Ausbildung der Rettungstruppen, welche mit der Armee 95 aus den früheren Luftschutztruppen hervorgegangen sind. Die letzten grösseren internationalen Einsätze von militärischen Katastrophenhelfern im Rahmen der Rettungskette Schweiz gehen auf das Erdbeben von 2009 in Indonesien und das Ereignis in Fukushima im Jahr 2011 zurück.

Wie kommen Soldatinnen und Soldaten zur Rettungskette Schweiz?

Die Schweizer Armee ist einer von acht Partnern der Rettungskette Schweiz. Wer als Soldatin oder Soldat ein Interesse an den Einsätzen der Rettungskette hat, meldet sich beim Lehrverband Genie/Rettung/ABC. Dort werden potentielle Einsatzkräfte erfasst und für den Einsatz vorbereitet. Auf der Pikettliste des Lehrverbandes befinden sich wegen der hohen Verfügbarkeit vor allem Berufsmilitärs. Aber auch die Miliz ist gefragt. Durchdiener der Rettungstruppen können ihre Bereitschaft zu solchen freiwilligen Ausland-Einsätzen zu Beginn der RS kundtun. Sie werden dann speziell vorbereitet, zum Beispiel mit Impfungen und einer Spezialausbildung an den Gerätschaften der Rettungskette Schweiz. Aber auch für Armeeangehörige, die ihren Dienst nicht als Durchdiener leisten, besteht die Möglichkeit, sich in den Dienst des militärischen Teils der Rettungskette zu stellen. Grundvoraussetzung ist eine hohe (Leistungs-)Bereitschaft und die Kompetenz in den gesuchten Fähigkeitsbereichen.

 

Quelle: Schweizer Armee
Bildquelle: Schweizer Armee